Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Familie, Freizeit und Freundeskreis stehen an erster Stelle

Das Private ist den Menschen in Österreich das Wichtigste im Leben. Die Familie steht dabei im Vordergrund, sie ist drei Viertel der Befragten sehr wichtig und 19 Prozent ziemlich wichtig. In Summe ergibt das 94 Prozent. Die Freizeit sowie der Freundes- und Bekanntenkreis erreichen ebensolche Spitzenwerte, die Gewichtung ist aber anders, denn bei den Sehr-Wichtig-Stimmen liegen diese beiden Lebensbereiche deutlich hinter der Familie (59 bzw. 53 %). Im Lauf des Lebens verschiebt sich der Fokus: Für die Jüngsten, die Generation 30minus, ist einerseits die Familie weniger essentiell, andererseits sind Freizeit und freundschaftliche Bindungen relevanter als für die Älteren.

Abbildung 4: Wichtigkeit verschiedener Lebensbereiche

Die große Bedeutung der sozialen Kontakte zeigt sich auch daran, dass sich 83 Prozent der Menschen darauf verlassen, im Notfall Hilfe aus ihrem Umfeld zu erhalten (vgl. Abbildung 5). Die gute Nachricht (insbesondere in Pandemie-Zeiten): Die Ältesten können überdurchschnittlich häufig auf ein soziales Netz zurückgreifen (91 %). Die weniger gute Nachricht: Wer ein sehr niedriges Haushaltseinkommen hat, rechnet deutlich seltener mit Unterstützung in Notsituationen (< 1.600 Euro netto monatlich: 74 %) als der Durchschnitt oder gar die Spitzenverdienenden (> 4.000 Euro monatlich: 92 %).

Abbildung 5: Soziale Netze

An prominenter zweiter Stelle im Prioritätensystem der Menschen in Österreich folgt ein Themenfeld, das rund um das Erwerbsleben angesiedelt ist: Bildung und lebenslanges Lernen sowie Arbeit sind rund einem Drittel, die Wirtschaft einem Viertel sehr wichtig. Rechnet man jene hinzu, denen dies ziemlich wichtig ist, erhält man eine breite Mehrheit von rund 80 Prozent. Im Vergleich dazu fällt die Politik stark ab, erreicht aber in Summe doch einen Wert über 50 Prozent (58 %). Die Religion hingegen hat kaum Bedeutung: Nicht einmal einem Drittel ist sie sehr oder ziemlich wichtig (31 %) (vgl. Abbildung 4).

Das gut gefestigte Wertesystem reagiert auf die Covid-19-Pandemie

Der respektvolle Umgang miteinander sowie die persönliche Freiheit sind jene beiden gesellschaftlichen Werte, denen die Menschen in Österreich die größte Bedeutung beimessen – im Jahr 2020 genauso wie bereits 2019 (vgl. Abbildung 6). Und doch hat sich etwas geändert: Respekt im Umgang miteinander hat zwar noch immer die Top-Position inne (äußerst wichtig: 64 %), aber mit etwas geringerem Gewicht (2019: 67 %). Hier wird schlagend, dass wissenschaftliche Erhebungen bis zu einem gewissen Grad auch das aktuelle Geschehen widerspiegeln. Das Jahr 2019 war vom Ibiza-Skandal und den darauffolgenden Turbulenzen im politischen System geprägt. Angesichts dessen war in Österreich der Wunsch nach respektvollem Verhalten stark ausgeprägt. 2020 steht im Bann der Covid-19-Pandemie, was sich daran zeigt, dass genau jene Werte an Bedeutung gewonnen haben, die derzeit als essentiell angesehen werden: im Kampf gegen das Corona-Virus, für den Schutz der Risikogruppen sowie zur Aufrechterhaltung der existenz- und lebenssichernden Institutionen. Das sind Eigenverantwortung (äußerst wichtig: 49 ä 52 %), Chancengerechtigkeit und Fairness (47 ä 51 %), Solidarität (36 ä 39 %), Leistungsbereitschaft (29 ä 33 %) und – indirekt, weil ein Lockdown zum Nachdenken anregt – Selbstverwirklichung (28 ä 31 %). Andere Werte blieben von der Corona-Krise unberührt: persönliche Freiheit (62 %), Gleichberechtigung von Frauen (51 %), Offenheit und Toleranz (41 %) sowie der nach wie vor vergleichsweise bedeutungslose materielle Wohlstand (13 %). Doch weder die politischen Geschehnisse des Jahres 2019 noch die Pandemie konnten das offensichtlich gut gefestigte Wertegefüge der in Österreich lebenden Menschen erschüttern: Die hohen Zustimmungsraten und die Reihenfolge der Nennungen sind stabil.

Abbildung 6: Werte in der österreichischen Gesellschaft

Die Corona-Krise im Blickpunkt
Der soziale Zusammenhalt am Prüfstand

Die Frage, ob die Corona-Krise den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft stärkt, spaltet Österreich. Die größte Gruppe ist diesbezüglich unsicher (36 %), die zweitgrößte kann kein Zusammenrücken erkennen (32 %) und nur die vergleichsweise kleinste sieht mehr Verbundenheit (29 %). Ganz ähnlich sieht es auf der persönlichen Ebene aus: 29 Prozent setzen Vertrauen in ihre Mitmenschen, ebenso viele meinen, dass man im zwischenmenschlichen Kontakt vorsichtig sein sollte, und 41 Prozent sind da indifferent. Hier lässt sich eine positive Tendenz ablesen, denn das explizite Misstrauen hat seit 2019 deutlich abgenommen (35 æ 29 %) – möglicherweise das Ergebnis guter Erfahrungen in der Krise.

Abbildung 7: Vertrauen in Mitmenschen
Abbildung 8: Gesellschaftliche Veränderungen durch die Corona-Krise

Unverändert hohe Sensibilität für soziale Ungerechtigkeit

Gerade einmal 13 Prozent der Menschen empfinden die sozialen Unterschiede in Österreich als gerecht, nur 22 Prozent sehen gleiche Chancen für alle. Die Mehrheit hingegen stuft die Gesellschaft als ungerecht (55 %) ein und erkennt Hürden für den sozialen Aufstieg (49 %). Etwas weniger sensibel sind diesbezüglich die Jüngsten der Generation 30minus (keine soziale Gerechtigkeit: 44 %, ungleiche Chancenverteilung: 40 %), die gut Gebildeten mit mindestens Matura-Abschluss (50 bzw. 42 %) sowie die Bezieherinnen und Bezieher sehr hoher Einkommen (48 bzw. 41 %).

Abbildung 9: Gerechtigkeitsempfinden und Chancengleichheit

Sichtbare Vertrauensverluste für viele Institutionen

Das österreichische Gesundheitssystem genießt als einzige der staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, die im IV-ZukunftsMonitor berücksichtigt sind, hohes Vertrauen einer absoluten Mehrheit der Bevölkerung (51 %). Bei allen anderen liegen die (hohen) Vertrauenswerte – meist deutlich – unter 50 Prozent. Das gilt für die Polizei (47 %), die österreichischen Unternehmen (41 %), die Sozialpartner (39 %), Justiz und Gerichte (38 %), Behörden und Ämter (34 %), den unabhängigen Journalismus (32 %) sowie die katholische Kirche (17 %) (vgl. Abbildung 10).

Der Befund des IV-ZukunftsMonitors 2019 lautete: Das Vertrauen in die Institutionen sei aufrecht, es gebe aber deutliche Kratzer. Diese Kratzer scheinen inzwischen zu regelrechten Scharten geworden zu sein, denn alle Institutionen haben seit dem vergangenen Jahr in beträchtlichem Ausmaß an Vertrauen verloren – mit der Ausnahme der katholischen Kirche, die allerdings nach wie vor weit abgeschlagen am Ende der Liste steht. 2019 fiel außerdem der hohe Anteil der Befragten auf, die eine neutrale Antwort gewählt hatten, sich also nicht festlegen wollten. Der Anteil dieser Abwartenden ist nun geringer geworden. Zusammenfassend heißt dies: 2020 gibt es nicht nur weniger ausdrückliches Vertrauen, sondern auch weniger Unsicherheit und – daraus resultierend – mehr explizites Misstrauen.

 

Die Polizei (Vergleich 2019 und 2020 – Vertrauen: 56 æ 47 %) und die österreichischen Unternehmen (48 æ 41 %) stehen zwar in puncto Vertrauenswürdigkeit nach wie vor an zweiter und dritter Stelle, haben aber gleichzeitig auch den größten Vertrauensverlust hinnehmen müssen. Das Vertrauen in die Institutionen steigt mit dem Alter, dem Einkommen und dem Bildungsgrad. Die höchsten Werte finden sich also bei der Generation 70plus, den Höchstverdienenden sowie den Akademikerinnen und Akademikern, die geringsten Werte bei den Bezieherinnen und Beziehern niedrigster Einkommen, aber interessanterweise nicht bei den Allerjüngsten, sondern bei den 30- bis 39-Jährigen. Ebenfalls auffallend geringes Vertrauen äußerten FPÖ-Wählerinnen und -Wähler. 

Abbildung 10: Vertrauen in Institutionen

Die Corona-Krise im Blickpunkt
Sozialpartnerschaft im Aufwind?

Nahezu die Hälfte der Menschen in Österreich rechnet damit, dass die Bedeutung der Sozialpartnerschaft infolge der Corona-Krise steigen wird (46 %), ein knappes Fünftel glaubt nicht an eine solche Entwicklung (19 %). Dies deutet auf eine neue Hinwendung zu dieser Form der Zusammenarbeit, was angesichts des Wirtschaftseinbruchs, des Überlebenskampfes von großen und kleinen Unternehmen sowie der hohen Arbeitslosenzahlen wenig erstaunlich wäre. Gleichzeitig scheinen sich aber die Menschen von der Sozialpartnerschaft zu entfernen: 27 Prozent misstrauen ihr, 2019 galt dies für lediglich 20 Prozent. 39 Prozent vertrauen ihr, 2019 waren es mit 41 Prozent noch etwas mehr.

Abbildung 11: Gesellschaftliche Veränderungen durch die Corona-Krise
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