Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Gegenseitiger Respekt und persönliche Freiheit als zentrale Werte

Die beiden höchsten Werte der Österreicherinnen und Österreicher sind ein respektvoller Umgang miteinander und die persönliche Freiheit. Beides ist mehr als 60 Prozent der Befragten äußerst wichtig und etwa 30 Prozent sehr wichtig, was Summen ergibt, die die 90 Prozent-Marke deutlich überschreiten (Abbildung 3). Diese beiden Spitzenreiter sind typisch für das Wertegefüge der Menschen in Österreich, in dem vor allem die Art des Umgangs miteinander – also das gute Funktionieren der Gesellschaft als menschliches Kollektiv – im Vordergrund steht. Einen hohen Stellenwert haben daher auch Chancengerechtigkeit & Fairness (87 %), Gleichberechtigung von Frauen (82 %), Offenheit & Toleranz (81 %) und Solidarität (78 %).

Neben all den Werten, die die Gemeinschaft in den Mittelpunkt rücken, ist den Befragten das Individuum genauso wichtig – vorausgesetzt es geht um seine persönliche Freiheit und den verantwortungsvollen Umgang mit ihr (Eigenverantwortung: 90 %). Weniger wichtig hingegen ist die Selbstverwirklichung (69 %), die möglicherweise zu wenig Rücksichtig auf die Bedürfnisse anderer nimmt.

Die höchsten Güter der Österreicherinnen und Österreicher kann man nicht kaufen, man muss sie mit anderen ausverhandeln und selbst leben, was generell ein typisches Kennzeichen wohlhabender Gesellschaften ist. Materiell Konnotiertes (Leistungsbereitschaft: 74 %) rangiert im Wertegefüge weit unten, richtiggehend Materielles ist geradezu abgeschlagen (materieller Wohlstand: 44 %).

Abbildung 3: Werte für die österreichische Gesellschaft

Familie und Freunde sind die Grundlage für ein gutes Leben

Das Privatleben ist für die Österreicherinnen und Österreichern von überragender Bedeutung. 71 Prozent stufen die Familie als äußerst wichtig ein, 21 Prozent als sehr wichtig, sieben Prozent als eher wichtig; es bleibt gerade einmal ein Prozent, dem die Familie nichts bedeutet (Abbildung 4). Beim Stellenwert von Freizeit sowie Freundes- & Bekanntenkreis verschiebt sich die Gewichtung bereits ein wenig. Beide Lebensbereiche sind von hoher Relevanz, fallen aber in der Nennung von äußerst wichtig mit 43 bzw. 40 Prozent deutlich hinter die Familie zurück. Aber auch hier finden sich nur zwei bzw. drei Prozent, die diese Sphären als für sich nicht wichtig erleben. Dazu passt, dass mehr als die Hälfte der Befragten davon überzeugt ist, dass ihre persönlichen sozialen Netze (Verwandte, Freunde oder Bekannte, die nicht im eigenen Haushalt leben) im Notfall funktionieren; ein Drittel rechnet eher schon mit Unterstützung, nur zwölf Prozent sind diesbezüglich pessimistisch.

Ebenfalls wesentlich, aber eben nicht ganz so wesentlich wie das Privatleben, sind den Österreicherinnen und Österreichern Arbeit und Bildung. Jeweils etwa ein Viertel bezeichnete sie als äußerst wichtig (23 bzw. 24 %). Bei den jeweils acht Prozent, die weder Arbeit noch Bildung irgendeine Bedeutung zumessen, gibt es eine Gruppe die völlig untypisch antwortet: Menschen mit einem sehr geringen sozioökonomischen Status halten Arbeit zu knapp einem Viertel für irrelevant. Diese Entwertung von Arbeit an sich korreliert mit der relativ hohen Unzufriedenheit mit dem eigenen Job bzw. den Arbeitsbedingungen.

Der Bereich der Wirtschaft ist für das eigene Leben von durchschnittlicher Bedeutung. Nur noch zwölf Prozent billigen der Wirtschaft äußerste Wichtigkeit zu, ebenso viele halten sie für unwichtig. Der Anteil der vorsichtig Positiven ist mit 40 Prozent sehr hoch. Dieser Befund muss jedoch durch das hohe Vertrauen in die österreichischen Unternehmen ergänzt werden . Je konkreter und näher an der eigenen Lebenswelt, umso besser können die Befragten persönliche Erfahrungen bei der Beurteilungen einbringen. Wirtschaft an sich sind im Meinungsbild sehr oft „die Unternehmen“, aber eben auch die globalen Akteure und ein für viele nicht durchschaubares, erstaunlich fragiles System.

Daraus könnte man einen prinzipiellen Schluss ziehen: Das Eigene (Privatleben, Arbeit, Bildung) spielt im Leben der Menschen in Österreich eine deutlich größere Rolle als die äußeren Rahmenbedingungen, wie eben „die Wirtschaft“ oder auch die Politik, wobei letzterer eine sehr geringe Bedeutung zugemessen wird. Ein Viertel der Österreicherinnen und Österreicher hält sie für unbedeutend, 39 Prozent gerade einmal für eher wichtig. Lediglich ein gutes Drittel sieht die Politik als äußerst oder sehr relevant an. Je älter die Befragten sind, desto eher schätzen sie die Politik (äußerst wichtig: 30minus: 7 %, 70plus: 26 %); wer die Matura oder ein Studium hinter sich gebracht hat, sieht sie nicht ganz so negativ (nicht wichtig: mit Matura: 18 %, ohne Matura 27 %).

Religion ist in Österreich ein Minderheitenprogramm (geworden) – dieser Befund manifestiert sich einmal mehr anhand der vorliegenden Daten. Mehr als die Hälfte der Befragten hält sie für unwichtig, ein weiteres Viertel äußert sich schwach positiv, bleiben nur 18 Prozent, für die Religion wirklich Relevanz besitzt. Die Daten des ZukunftsMonitors (in der Befragte mit Migrationshintergrund angesichts sprachlicher Barrieren unterrepräsentiert sind) weisen darauf hin, dass den Zuwanderern Religion wichtiger (23 % äußerst/sehr wichtig) ist als den autochthonen Österreicherinnen und Österreichern.

Abbildung 4: Wichtigkeit verschiedener Lebensbereiche

Ungerechtigkeitsempfinden weit verbreitet

Die Österreicherinnen und Österreicher empfinden die Gesellschaft, in der sie leben, mehrheitlich als ungerecht. Für 60 Prozent sind die sozialen Unterschiede zu groß, für 55 Prozent ist die Chancengleichheit nicht ausreichend (Abbildung 5). Jeweils ein Viertel vertritt eine neutrale Position. Nur eine kleine Minderheit sieht keine sozialen Benachteiligungen (13 %) bzw. hat den Eindruck, dass alle Menschen im Land die gleichen Chancen haben (19 %). Personen mit sehr geringem sozioökonomischem Status reagieren auf die Frage nach der Chancengleichheit noch sensibler und äußern sich zu 64 Prozent kritisch.

Woher genau diese subjektiv empfunden Ungerechtigkeit stammt, ist kausal schwer festzumachen. Korrelationen bestehen in Umfragen häufig hinsichtlich fehlender Aufstiegsmöglichkeiten, mangelnder Verdienstmöglichkeiten, knappem Auskommen mit dem persönlichen Arbeitseinkommen, dem Anteil an Wohnkosten am Einkommen, der Wahrnehmung einer Zwei-Klassen-Medizin im Gesundheitsbereich. Studien der OECD und der OeNB konstatieren für Österreich in der Regel eine hohe Vererbung von Bildung und sozialem Status in Österreich, der ebenso die Grundlage dieser Zusammenhänge sein könnte

Abbildung 5: Gerechtigkeitsempfinden

Freiwilligenarbeit und Gemeinwohlorientierung sind stark ausgeprägt

Knapp die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher trägt zum Gemeinwohl bei, indem sie regelmäßig Freiwilligenarbeit leisten, 29 Prozent davon sehr häufig (16 % wöchentlich; 13 % seltener, aber mehrmals pro Monat) (Abbildung 6). Wer es sich leisten kann, ist aktiver: Personen mit sehr hohem Einkommen (35 %), sozioökonomischem Status (39 %) oder Bildungsabschluss (Akademikerinnen und Akademiker: 39 %). Wer hingegen kaum genug zum Leben hat, verfügt über zu wenige Ressourcen für Freiwilligenarbeit. In ländlichen Gebieten ist das „Ehrenamt“ deutlich verbreiteter (35 %) als in großen Städten (19 %) oder in Wien (22 %).

Abbildung 6: Freiwilliges Engagement

Polizei und Unternehmen mit sehr guten Vertrauenswerten

Das Vertrauen der Österreicherinnen und Österreicher in jene Institutionen, die das Gemeinwesen auf unterschiedliche Weise prägen, ist derzeit noch aufrecht, aber es hat durchaus Kratzer abbekommen, was man nicht nur an den negativen Antworten, sondern auch an den vielen Befragten sieht, die sich für eine neutrale Rückmeldung entschieden haben: bei den meisten Institutionen ein gutes Drittel. Diese abwartende Haltung verrät Unsicherheit und läuft damit dem prinzipiellen Wesen von Vertrauen zuwider.

Das höchste Vertrauen genießt die Polizei, die als einzige Institution von der absoluten Mehrheit der Befragten positiv bewertet wird (56 %) (Abbildung 7). Der Anteil der neutral Antwortenden ist hier mit 28 Prozent vergleichsweise niedrig, jener der negativen Stimmen beträgt 16 Prozent. An zweiter Stelle liegen die österreichischen Unternehmen, denen knapp die Hälfte der Befragten ein hohes Vertrauen entgegen bringt (48 %) und denen nur 13 % misstrauisch gegenüber stehen. Mit mittleren Werten folgen die Sozialpartnerinnen und Sozialparner sowie Justiz & Gerichte, denen zu rd. 40 Prozent Vertrauen und zu rd. 20 Prozent Misstrauen entgegengebracht wird. Aufhorchen lässt, dass nur ein gutes Drittel den Behörden & Ämtern Vertrauen ausspricht, aber fast ein Viertel Misstrauen. Stark beschädigt ist das Image der katholischen Kirche, der gerade einmal 14 Prozent vertrauen, jedoch 56 Prozent misstrauen; nur bei älteren Österreicherinnen und Österreichern schneidet die Kirche besser ab (70plus – Vertrauen: 27 %, Misstrauen: 37 %). Überhaupt steigt das Vertrauen in die Institutionen generell mit dem Alter, der Einkommenshöhe und dem sozioökonomischen Status. Der Bildungsabschluss ist nur in Bezug auf Justiz & Gerichte relevant, denen von höher Gebildeten überdurchschnittlich viel Vertrauen geschenkt wird.

Abbildung 7: Vertrauen in Institutionen
Scroll to Top