Lebensqualität


Lebenszufriedenheit deutlich gesunken

Die Menschen sind mit ihrer Lebenssituation insgesamt viel weniger zufrieden als 2019, das ist eines der auffälligsten Ergebnisse des IV-ZukunftsMonitors 2020 (vgl. Abbildung 15). Der Anteil der Zufriedenen ist von 73 auf 65 Prozent gesunken. Auf der anderen Seite gibt es deutlich mehr explizit Unzufriedene. Aktuell macht ihr Anteil 15 Prozent aus, im Jahr davor belief er sich nur auf zehn Prozent. Am meisten gelitten hat die Lebenszufriedenheit der Menschen mit niedrigem Haushaltseinkommen (< 2.500 Euro netto monatlich), der Generation 30minus sowie – in etwas geringerem Ausmaß – auch der schlecht Qualifizierten und der 30- bis 39-Jährigen.

Abbildung 15: Lebenszufriedenheit insgesamt, Zeitvergleich

Die Corona-Krise im Blickpunkt
Die Corona-Krise trifft jene hart, die es schon vorher schwer hatten

Blickt man auf jene Befragten, die über sich selbst sagen, dass die Corona-Krise sie härter trifft als andere, findet man einige jener Gruppen wieder, deren Lebenszufriedenheit im vergangenen Jahr besonders stark zurückgegangen ist: vor allem die Bezieherinnen und Bezieher niedrigster Einkommen (< 1.600 Euro netto monatlich), die zu 36 Prozent meinen, von der Krise überdurchschnittlich hart getroffen zu sein (Österreich gesamt: 20 %), dann die schlecht Qualifizierten, die lediglich einen Pflichtschulabschluss haben (26 %), aber auch die 30- bis 39-Jährigen (23 %). Dies ist ein klarer Hinweis dafür, dass die Corona-Krise eine Rolle für den Rückgang der Lebenszufriedenheit in Österreich gespielt hat, vor allem bei jenen, die schon davor sozial schlechter gestellt gewesen sind und die Krise daher weniger gut abfedern können, etwa durch Rückgriff auf bestehende Ressourcen und Ersparnisse.

Abbildung 16: Auswirkungen der Krise auf die persönliche Situation

Auch was die eigene Lebenssituation betrifft, ist der Optimismus noch vorhanden: 36 Prozent gehen davon aus, dass sich ihre Lebenssituation in den kommenden drei Jahren verbessern wird, nur 16 Prozent sind gegenteiliger Ansicht (2019 – verbessern: 40 %, verschlechtern: 11 %), der große Rest vermag sich allerdings – wie bereits letztes Jahr – nicht eindeutig festzulegen (vgl. Abbildung 3). So hoffnungslos ist die Lage nicht, auch wenn Ungewissheit die prägende Charakteristik der österreichischen Zukunftsperspektiven bleibt und die Pandemie die Zunahme des Pessimismus befördert hat.

Abbildung 3: Lebenssituation in 3 Jahren

Zufriedenheit mit Familie und soziale Kontakte leiden am meisten

Auch die einzelnen Lebensbereiche genießen nicht mehr die hohen Zufriedenheitswerte des Vorjahrs vgl. Abbildung 17). Am meisten verloren hat der Spitzenreiter, die familiäre Situation. Der Anteil der diesbezüglich Zufriedenen sank von 76 auf 66 Prozent, besonders stark bei den jüngeren Menschen (30minus: 69 æ 52 %; 30- bis 39-Jährige: 75 æ 56 %). Ebenfalls deutlich ist die Zufriedenheit mit den sozialen Kontakten im Freundes- und Bekanntenkreis gefallen, von 72 auf 63 Prozent. Speziell betroffen sind wieder die Allerjüngsten (30minus: 65 æ 46 %) und diesmal auch die Menschen mit den geringsten Haushaltseinkommen (< 1.600 Euro netto monatlich: 61 æ 50 %).

2019 waren 74 Prozent der in Österreich lebenden Menschen mit ihren Wohnverhältnissen zufrieden, 2020 nur noch 69 Prozent. Die Zufriedenheit mit dem Wohnen ist vor allem bei den 30- bis 39-Jährigen (66 æ 58 %) sowie bei allen, die ein Haushaltseinkommen im unteren Mittelfeld haben (1.600 bis 2.500 Euro netto monatlich: 71 æ 63 %), zurückgegangen. Der vierte Lebensbereich, bei dem die Zufriedenheit regelrecht eingebrochen ist, betrifft den aktuellen Bildungs- und Ausbildungsgrad. Der rasante Sinkflug von 67 auf 58 Prozent binnen eines Jahres weist jedoch darauf hin, dass es den Befragten wohl nicht nur um den eigenen Bildungsgrad, sondern auch die aktuelle Situation rund um Bildung und Ausbildung insgesamt gegangen ist. Die größten Verluste lassen sich wieder einmal bei den jüngeren Menschen feststellen (30minus: 55 æ 43 %; 30- bis 39-Jährige: 62 æ 44 %).

Es liegt nahe, dass die Corona-Pandemie auch für diese Zufriedenheitseinbrüche eine Rolle spielt: die empfohlenen oder vorgeschriebenen Kontaktbeschränkungen, die langen Stunden in der Enge der eigenen vier Wände während des ersten Lockdowns oder die wochenlang geschlossenen bzw. auf Online-Unterricht umgestellten Schulen und höheren Bildungseinrichtungen. Auch mit anderen Lebensbereichen sind die Menschen weniger zufrieden als im vergangenen Jahr, aber die Differenzen sind vergleichsweise geringer: mit dem allgemeinen Gesundheitszustand (62 æ 58 %), der hauptsächlichen Tätigkeit (62 æ 59 %) und der finanziellen Situation des Haushalts (55 æ 52 %).

Abbildung 17: Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen

Im Berufsleben beginnt sich Unzufriedenheit bereitzumachen

Auch die Zufriedenheit mit dem Berufsleben hat nachgelassen, aber die Entwicklung ist nicht ganz so schlimm wie in vielen Bereichen des Privatlebens (vgl. Abbildung 18). Dazu passt, dass von den Aspekten des Arbeitslebens gerade die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben den größten Zufriedenheitsverlust verzeichnet: Aktuell sind 56 Prozent diesbezüglich zufrieden, 23 Prozent unzufrieden. 2019 gab es mehr Zufriedene (62 %), aber vor allem viel weniger Unzufriedene (13 %). Homeschooling, Home-Office und geänderte Arbeitszeiten (etwa im Handel) scheinen hier Spuren hinterlassen zu haben. Dass es aktuell mehr explizit Unzufriedene gibt (und nicht etwa mehr neutrale Stimmen), zeigt sich noch klarer bei der Wochenarbeitszeit (11 ä 21 %) und dem Einkommen (17 ä 25 %). Zahlreiche Menschen erlitten durch die Krise zum Teil empfindliche Einkommenseinbußen und im Home-Office kommt es vielfach zu einer Entgrenzung der Arbeitszeit.

Es gibt auch Gruppen, bei denen die Zufriedenheitswerte mit dem Berufsleben nicht nachgegeben haben: bei Menschen, die schon lange im Beruf stehen (50- bis 59-Jährige) und/oder einen tertiären Bildungsabschluss haben (Hochschule, Universität) und/oder ein sehr hohes Haushaltseinkommen haben (> 4.000 Euro netto monatlich). Und es gibt eine Gruppe, die sich durchgehend unzufriedener zeigt: Menschen, die nicht mehr als die Pflichtschule absolviert haben. Ansonsten ergibt sich, was die gestiegene Unzufriedenheit anlangt, ein differenziertes Bild: Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben scheint vor allem ein Problem für die Bezieherinnen und Bezieher von Haushaltseinkommen im unteren Mittelfeld geworden zu sein (1.600 bis 2.500 Euro netto monatlich), die Wochenarbeitszeit für die 30- bis 39-Jährigen, das Einkommen für die Jüngeren (40minus) und für Haushalte mit ohnehin bereits niedrigem Einkommen (< 1.600 Euro netto monatlich).

Abbildung 18: Zufriedenheit mit Arbeitsbereichen

Funktionale Aspekte haben im Beruf oberste Priorität

Wenn es um den Beruf geht, ist das reibungslose Funktionieren des Alltags für die Menschen in Österreich essentiell: die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben (90 %), die Sicherheit des Arbeitsplatzes (89 %), gute Team- und Zusammenarbeit (88 %), angenehme Arbeitszeiten (87 %) und gute Bezahlung (85 %). Motivationale Faktoren fallen dagegen deutlich ab: etwas erreichen (79 %), Eigeninitiative zeigen und beruflich etwas bewegen (77 %), Verantwortung tragen (71 %) oder etwas Nützliches für die Gesellschaft tun (69 %). Weit abgeschlagen ganz am Ende der Liste stehen beruflicher Aufstieg und Karriere (55 %). In diesen Ergebnissen (vgl. Abbildung 19) manifestiert sich die Pandemie als krisenhaftes Ereignis von wirtschaftlicher Bedeutung: In Krisenzeiten, wo Arbeitsplätze als bedroht wahrgenommen werden, erhöht sich die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit. Druckpunkte, die in normalen Zeiten als Belastung empfunden werden, treten angesichts bedrohter Arbeitsplätze in den Hintergrund. Diese Wahrnehmung spiegelt sich auch in der Einschätzung der Mehrheit der Befragten wider (55 %), dass es derzeit schwierig sei, im Falle von Arbeitslosigkeit (wieder) einen guten Arbeitsplatz zu finden (vgl. Abbildung 28).

Die Prioritäten sind vom Alter der Befragten abhängig, also davon, wo in ihrem Berufsweg sie sich gerade befinden: Bei der Generation 30minus, also am Anfang der Karriere, stehen Weiterbildung (80 %) und der berufliche Aufstieg (72 %) mehr im Vordergrund. Mit dem 40. Geburtstag treten die Karrierewünsche in den Hintergrund (40- bis 49 Jahre: 47 %), angenehme Arbeitszeiten sind in diesem Alter besonders wichtig (92 %). Die 50- bis 59-Jährigen setzen die Akzente anders, bei ihnen erhalten die Sicherheit des Arbeitsplatzes (94 %), Teamarbeit (93 %) und die Arbeitsinhalte (z.B. mit dem Beruf etwas erreichen zu können: 84 %; Verantwortung zu haben: 82 %) höheres Gewicht. Ähnlich sieht der berufliche Fokus bei Akademikerinnen und Akademikern sowie bei Menschen aus Haushalten mit sehr gutem Einkommen (> 4.000 Euro netto monatlich) aus.

Abbildung 19: Prioritäten im Beruf
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