Sichtbare Vertrauensverluste für viele Institutionen

Das österreichische Gesundheitssystem genießt als einzige der staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, die im IV-ZukunftsMonitor berücksichtigt sind, hohes Vertrauen einer absoluten Mehrheit der Bevölkerung (51 %). Bei allen anderen liegen die (hohen) Vertrauenswerte – meist deutlich – unter 50 Prozent. Das gilt für die Polizei (47 %), die österreichischen Unternehmen (41 %), die Sozialpartner (39 %), Justiz und Gerichte (38 %), Behörden und Ämter (34 %), den unabhängigen Journalismus (32 %) sowie die katholische Kirche (17 %) (vgl. Abbildung 10).

Der Befund des IV-ZukunftsMonitors 2019 lautete: Das Vertrauen in die Institutionen sei aufrecht, es gebe aber deutliche Kratzer. Diese Kratzer scheinen inzwischen zu regelrechten Scharten geworden zu sein, denn alle Institutionen haben seit dem vergangenen Jahr in beträchtlichem Ausmaß an Vertrauen verloren – mit der Ausnahme der katholischen Kirche, die allerdings nach wie vor weit abgeschlagen am Ende der Liste steht. 2019 fiel außerdem der hohe Anteil der Befragten auf, die eine neutrale Antwort gewählt hatten, sich also nicht festlegen wollten. Der Anteil dieser Abwartenden ist nun geringer geworden. Zusammenfassend heißt dies: 2020 gibt es nicht nur weniger ausdrückliches Vertrauen, sondern auch weniger Unsicherheit und – daraus resultierend – mehr explizites Misstrauen.

Die Polizei (Vergleich 2019 und 2020 – Vertrauen: 56 æ 47 %) und die österreichischen Unternehmen (48 æ 41 %) stehen zwar in puncto Vertrauenswürdigkeit nach wie vor an zweiter und dritter Stelle, haben aber gleichzeitig auch den größten Vertrauensverlust hinnehmen müssen. Das Vertrauen in die Institutionen steigt mit dem Alter, dem Einkommen und dem Bildungsgrad. Die höchsten Werte finden sich also bei der Generation 70plus, den Höchstverdienenden sowie den Akademikerinnen und Akademikern, die geringsten Werte bei den Bezieherinnen und Beziehern niedrigster Einkommen, aber interessanterweise nicht bei den Allerjüngsten, sondern bei den 30- bis 39-Jährigen. Ebenfalls auffallend geringes Vertrauen äußerten FPÖ-Wählerinnen und -Wähler.

Abbildung 10: Vertrauen in Institutionen

Die Corona-Krise im Blickpunkt
Sozialpartnerschaft im Aufwind?
Nahezu die Hälfte der Menschen in Österreich rechnet damit, dass die Bedeutung der Sozialpartnerschaft infolge der Corona-Krise steigen wird (46 %), ein knappes Fünftel glaubt nicht an eine solche Entwicklung (19 %). Dies deutet auf eine neue Hinwendung zu dieser Form der Zusammenarbeit, was angesichts des Wirtschaftseinbruchs, des Überlebenskampfes von großen und kleinen Unternehmen sowie der hohen Arbeitslosenzahlen wenig erstaunlich wäre. Gleichzeitig scheinen sich aber die Menschen von der Sozialpartnerschaft zu entfernen: 27 Prozent misstrauen ihr, 2019 galt dies für lediglich 20 Prozent. 39 Prozent vertrauen ihr, 2019 waren es mit 41 Prozent noch etwas mehr.

Abbildung 11: Gesellschaftliche Veränderungen durch die Corona-Krise

Österreich ist nach der Politikkrise wieder besser auf Kurs

Das Parlament und vor allem die Regierung genießen 2020 wieder mehr Vertrauen als im vergangenen Jahr, das von den Geschehnissen rund um den Ibiza-Skandal überschattet war. Mehr als ein Viertel der Menschen vertrauen dem Parlament und der (nunmehr stabilen) Regierung (26 %), 2019 galt das nur für 21 bzw. 23 Prozent (vgl. Abbildung 10). 39 Prozent der Befragten meinen, dass wichtige politische Entscheidungen von der Bundesregierung getroffen werden sollen. Das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, wo nur 32 Prozent dieser Ansicht waren. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Menschen noch häufiger als im Vorjahr finden, dass politische Entscheidungen von Fachexperten und -expertinnen gefällt werden sollten (2019: 49 %; 2020: 56 %). Dies ist wohl als gutes Zeugnis für die Expertenregierung des vergangenen Jahres zu lesen, vielleicht aber auch als Zustimmung zur aufgewerteten Rolle der Wissenschaft bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie.

Abbildung 12: Regierungsform

Die Corona-Krise im Blickpunkt
Wirksamkeit der Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie für viele fraglich

Knapp weniger als die Hälfte der in Österreich lebenden Menschen hielt zum Befragungszeitpunkt im September 2020 die Maßnahmen der Bundesregierung zur Erhaltung der Arbeitsplätze bzw. zur Unterstützung von Unternehmen für gerade richtig (47 %). 31 Prozent meinten, die Maßnahmen seien zu wenig weitreichend, 19 Prozent, sie seien übertrieben. Der Ruf nach mehr Unterstützung wurde mit den Lebensjahren häufiger (30minus: 25 %, 50- bis 59 Jährige: 38 %) und kam von jenen besonders oft, die die Krise am ehesten spüren: den schlecht Qualifizierten, die nicht mehr als einen Pflichtschulabschluss vorweisen können, und den Bezieherinnen und Beziehern eines sehr niedrigen Nettohaushaltseinkommens von weniger als 1.600 Euro monatlich (jeweils 36 %).

Rückblickend auf das Frühjahr und den Sommer 2020 beurteilte ebenfalls knapp die Hälfte der Befragten das Herunterfahren des sozialen und wirtschaftlichen Lebens zum Schutz der Risikogruppen als gerade richtig (48 %). Die kritischen Stimmen verteilen sich hier jedoch spiegelverkehrt: Für 11 Prozent waren die Einschränkungen zu wenig weitreichend, für 39 Prozent übertrieben. Der hohe Anteil von Menschen, die die Lockdowns nicht (gänzlich) mittragen, lässt mittelfristig gesellschaftliches Spaltungspotential erkennen.

Abbildung 13: Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus

 

Der Bundespräsident ist zwar noch immer der politische Vertrauensträger schlechthin (40 %), aber nicht mehr (wie im Sommer 2019) so stark im Fokus der Öffentlichkeit, was sich in gesunkenen Vertrauenswerten äußert (2019: 46 %). Den politischen Parteien wird in gleichem Maß ver- bzw. misstraut wie 2019. (vgl. Abbildung 10 ).

Was man angesichts der besseren Werte nicht aus den Augen verlieren sollte: Nach wie vor ist das Misstrauen gegenüber den politischen Akteurinnen und Akteuren deutlich höher als das Vertrauen. Nur für den Bundespräsidenten gilt das nicht, aber gerade ihm gegenüber ist das Misstrauen im vergangenen Jahr deutlich gestiegen, von 28 auf 37 Prozent. Von einem gefestigten Vertrauen in die Politik kann also noch immer keine Rede sein.

Tendenziell gehen eine bessere Bildung und ein höheres Einkommen mit mehr Vertrauen in die Politik Hand in Hand. Hoffnung für die Zukunft gibt, dass die jungen Leute der Generation 30minus mehr Vertrauen zeigen als die 30- bis 39-Jährigen, die durchwegs besonders skeptisch sind. Es fällt auf, wie wenig die Selbstständigen der Regierung und dem Parlament vertrauen – möglicherweise eine Folge der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie, die viele Ein-Personen-Unternehmen und kleine Selbstständige hart getroffen haben, ohne dass die Unterstützungen so schnell und unbürokratisch wie gewünscht eingetroffen wären

Persönliches Sicherheitsempfinden im Aufwind

 

Mehr als ein Drittel der Menschen fühlt sich in der eigenen Wohngegend sehr sicher; auch wenn sie abends bei Dunkelheit allein auf die Straße gehen oder gehen würden (37 %). Ein weiteres knappes Drittel fühlt sich ziemlich sicher (32 %). Ob sich Menschen in einem Land insgesamt sicher fühlen – im Sinne von geborgen und in ihrer Integrität ungefährdet –, hängt aber keineswegs ausschließlich von der Furcht vor Kriminalität ab. Eine Vielzahl von verschiedenen Faktoren wirkt auf das persönliche Sicherheitsempfinden, was man zum Beispiel auch daran sieht, dass sich die Menschen alles in allem in Österreich weniger sicher fühlen als abends beim Nachhause-Kommen in der eigenen Wohngegend: 26 Prozent haben ein sehr hohes allgemeines Sicherheitsempfinden, weitere 38 Prozent ein hohes. Rechnet man die Mittelwerte aus, erhält man Zahlen, die den Schulnoten auf einer Skala von eins bis fünf vergleichbar sind. Die Befragten gaben ihrer Sicherheit vor Kriminalität die Note 2,1, ihrem persönlichen Sicherheitsempfinden die geringfügig schlechtere Note 2,2. Das ist wiederum eine bessere Bewertung als 2019 (2,4) – trotz Corona-Krise, von der man sagt, dass sie viel Unsicherheit schafft (vgl. Abbildung 20).

Abbildung 20: Persönliches Sicherheitsempfinden
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